Ein Wochenende in Dublin – So oder so?


Szenario 1 und 2. Weshalb es manchmal günstiger ist, 30 Euro mehr für den Flug auszugeben…

0Vielleicht gibt es den einen oder anderen besonderen Anlass (Geburtstag, Hochzeitstag...). Oder Sie wollen einfach mal ausprobieren, wovon alle anderen schwärmen – einfach mal über’s Wochenende raus, in eine europäische Stadt, die man noch nicht kennt. Die Kollegin aus der Buchhaltung war letztens in Rom, die Nachbarn fliegen demnächst für drei Tage nach Venedig, und jetzt soll es für Sie und Ihre Liebste Dublin sein…


Szenario I

Der Flug ab Düsseldorf war billig (19,- EUR plus Steuern pro Person und Strecke) – allerdings nur der mit den blöden Flugzeiten: 20:50 Uhr hin, Ankunft in Dublin 21:40 Uhr (da kann man an dem Freitag eigentlich sogar noch arbeiten gehen…) Dafür geht’s zurück am Sonntag früh um 07:10 Uhr. Aber die angenehmeren Flugzeiten hätten pro Person und Strecke schon 45,- EUR plus Steuern gekostet; das wären bei zwei Leuten 104,- EUR mehr gewesen. Sie meinen, das muss nicht sein für ein Wochenende. Als Sie ankommen, ist es also Freitagabend, es ist dunkel, es regnet, und Sie nehmen ein Taxi zum gebuchten Hotel, das sich laut Beschreibung im Internet in bester Citylage befinden sollte. Doch statt sich der Innenstadt zu nähern, fährt das Taxi immer weiter hinaus in öde Vororte, während Sie voll banger Ahnungen auf den kletternden Tacho starren. Oh nein, 35 Euro, und außerdem ist schon fast Mitternacht! Das Hotelgebäude hat ungefähr soviel Charme wie das Sozialamt zuhause. Doch es gibt ein Bett, todmüde fallen Sie hinein, jetzt noch etwas zu unternehmen lohnt sich sowieso nicht mehr.

Das Frühstücksbuffet am nächsten Morgen ist gut, Sie sind voller Tatendrang – die ersten Sätze auf Englisch werden gewagt: Wie komme ich in die Innenstadt? – Was sollte ich mir angucken? Dieses Mal nehmen Sie den Bus/Dart/Luas (noch nie gehört? Manche Hotels haben solche Infos tatsächlich, aber es ist nicht die Mehrheit), der leider nicht direkt an der Ecke hält. Es ist fast schon Mittagszeit (nach dem späten Frühstück) und von der viel gerühmten Grafton Street sind Sie doch ein wenig enttäuscht: Jedes 5. Geschäft ist entweder ein Fastfood-Restaurant oder ein Handy-Laden, nicht anders als in Oberhausen oder Gelsenkirchen…Was ist denn mit dem typisch irischen Flair? Aber es ist ja erst der erste Tag. Stimmt nicht ganz: es ist schon der zweite: Samstag. Dass es am Sonntag frühmorgens um 7 schon aus Dublin zurückgeht, könnte man schon jetzt schmerzhaft bemerken. Oder war es doch richtig, dass man sich die 26 EUR p.P. mehr für den späten Rückflug gespart hat? Am Sonntag ist ja eh alles zu… . Schade, weil falsch. In Dublin wäre am Sonntag fast alles auf gewesen – aber woher soll man das denn alles wissen können?

0Zurück zur Grafton Street – und unserer Shopping-Tour: im Kaufhaus wird man (Gott sei dank) schon etwas fündig. Aber teuer ist das schon – ganz sicher teurer als bei uns. Wo findet man jetzt auf die Schnelle die besonderen Rock- oder Folk-CDs, die man angeblich hier so gut kaufen kann? Oder ausgefallenen Schmuck mit keltischen Ornamenten? Der Eindruck bleibt, die Grafton Street kann doch nicht das ganze Einkaufserlebnis gewesen sein. Sie hatten sich so darauf gefreut, gemütlich durch die romantische Altstadt zu schlendern, in original-irischer uriger Atmosphäre zu schwelgen. Und stattdessen? Kaufrausch im Kaufhaus, wie gehabt. Wen aber fragen? Selbst wer an dieser Stelle jetzt das nette, in einer alten Methodistenkirche untergebrachte Touristen-Infocentre gefunden hat, nur 100 Meter von der Grafton Street weg, hat nicht unbedingt den Volltreffer gelandet: gute Produkte, nettes Cafe, viel Papier zum Mitnehmen, man kann auch vieles direkt buchen, aber richtig individuell beraten werden Sie hier eher nicht, dafür sind die einzelnen Schlangen meist zu lang.

Wenn jetzt der Weg zum Hotel nur nicht so weit und kompliziert wäre, dann würde man glatt mal auf ’ne kleine Pause zurück – wenigstens, um die Einkaufstüten loszuwerden. Die Arme werden immer länger; also mache Sie sich doch auf Richtung Vorort. Mist – da hat man doch glatt vergessen, sich den Namen der Umsteige-Haltestelle des ersten Busses zu merken. Das ist aber blöd – ob man die Ecke wiedererkennt?

Mittlerweile ist es Nachmittag, und Sie finden den Weg tatsächlich zurück. Es kostet Sie wenig Geld, aber gut 1 Stunde. Und jetzt erst sehen Sie das Hotel so ganz richtig vor sich – wird bei Tageslicht auch nicht schöner! 08/15- Zementkasten halt. Und für 60 Euro B&B pro Person gab es nichts Günstigeres…zumindest haben Sie im Internet damals nichts gefunden. Die Lage ist wohl wenig attraktiv, um es mit typisch britischem Understatement zu sagen. So wenig, dass man eigentlich sofort wieder in die Innenstadt will. Hier in der Gegend gibt’s kein gemütliches Pub, wo die Leute abends Live-Musik machen und man mitfeiern kann. Außerdem wollten Sie ja noch ein bisschen von der Stadt sehen, und auch der leere Magen bringt sich jetzt unangenehm in Erinnerung. Wenn Sie sich nicht mit Restaurant und Bar im Hotel begnügen wollen, bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als erneut diese umständliche Fahrt auf sich zu nehmen.

Und jetzt entscheidet es sich, was von dem Dublin Trip am Ende hängen bleiben wird… Es ist schon fast dunkel, da reicht die Zeit vielleicht noch so grade für ein Museum im Schnelldurchgang. Jetzt aber erstmal irgendwo was essen! Aber wo – hier heißt der Döner zwar Kebab, schmeckt aber auf der O’Connell Street auch nicht anders als am Duisburger Hauptbahnhof, und nach Hamburgern steht Ihnen der Sinn sowie so nicht. Wie hieß das berühmte Kneipenviertel noch mal? Richtig – Temple Bar; da werden Sie sicher fündig. Na ja, wirklich originell sind die Italiener und Chinesen hier auch nicht unbedingt, aber wenigstens werden Sie satt. Und das Pub an der nächsten Ecke sieht von außen auch sehr urig aus, man hört Fiedeln und Flöten und Stimmengewirr – also nix wie rein! Drinnen ist es pickepacke voll; Sie ergattern das letzte freie Plätzchen. Schade nur, dass am Nachbartisch gefühlte zwei Dutzend sturztrunkene Engländer den Junggesellenabschied ihres Kumpels feiern. So kriegen sie von der Musik kaum was mit – und dabei ist die Japanerin an der Geige richtig gut! Das ältere Ehepaar aus Australien, mit dem Sie sich trotz der mittlerweile laut singenden britischen Tischnachbarn dann doch unterhalten können, ist sehr nett. Und der polnische Kellner spricht sogar ein paar Brocken Deutsch. Nur schade, dass das Bier so unverschämt teuer war – und dass man leider keinen einzigen Iren kennen gelernt hat…

Aber wahrscheinlich machen Sie ja ohnehin nicht wirklich die Sause, wo das Hotel doch so weit weg ist – und der Flieger um 7 Uhr morgens zurückgeht. Haben Sie schon überlegt, was das heißt? Spätestens um 06:00 Uhr dort sein, mit „Sicherheitsabstand“ besser um 05:30 Uhr, Taxi (da wird ja wohl kein Verkehr sein) ab Hotel um 5 Uhr bestellen. Aufstehen, mit Zusammenpacken, also um 4 oder 4,30h – da ist jeder anders. Frühstück? Fehlanzeige – so früh gibt’s auch im Hotelrestaurant nichts, und am Flughafen reicht die Zeit nicht mehr. Mit etwas Glück bringt der Nachtportier wenigstens Cornflakes oder Toast und Kaffee auf’s Zimmer – aber das wissen Sie nicht, und am Empfang hat Ihnen das niemand gesagt.

Sonntag, eigentlich der dritte Tag: Rückflug, alles paletti, alles rechtzeitig, wenn auch unausgeschlafen – Sie sitzen im Flieger, gehen im Geiste Ihre paar Neuerwerbungen durch, vielleicht lassen Sie jetzt auch schon mal die Vorform einer ersten, leicht kritischen Rückfrage zu: Inwiefern war jetzt Dublin anders? Oder mindestens so spannend oder gut wie all die anderen Orte, wo Sie im Rahmen des Billigflug-Kreuzzuges schon waren: Barcelona, Prag, London, … Irgendwann mal wiederkommen? Na ja, kann schon sein. Muß aber nicht wirklich…

0Szenario II

Sie haben sich vorher ein wenig schlau gemacht, deshalb ist alles ein bisschen anders:
Sie haben pro Person 52,- EUR mehr investiert und dafür die Tagesrandflüge bekommen. Deshalb kommen Sie am Freitag schon um 11:40 Uhr aus Düsseldorf an – und damit liegt der Tag noch vor Ihnen! Sie haben eine Karte, auf der ihr Hotel eingezeichnet ist – in tatsächlicher Citylage. Deswegen kommen Sie leicht hin: Flughafen – Heuston: mit Dublin Bus 5 Euro, dann Luas, das ist nämlich die neue Dubliner Stadtbahn, Haltestelle direkt gegenüber vom Hotel, Abfahrt alle 10 Min. Das Dreitagesticket für den ÖPNV kostet nicht die Welt. Ganz flott sind Sie an Ihrem sympathisch-plüschigen Stadthotel, das Sightseeing hat schon auf dem Weg begonnen (der Ausblick vom oberen Busdeck war super!), trotz des Regens haben Sie schon einen guten ersten Eindruck von der Stadt und sind voller Vorfreude.

Sie bringen Ihre Sachen auf das gemütliche Zimmer, unterhalten sich ein wenig mit dem Portier und ziehen los, um erstmal die Stadt zu erkunden, deren Sehenswürdigkeiten auf Ihrer Karte eingezeichnet und auch auf Deutsch beschrieben sind. Zum Mittagessen kehren Sie ein in ein gemütliches, kleines Restaurant, das gut besucht, aber nicht überlaufen wirkt. Vielleicht traut sich ja einer von Ihnen auszuprobieren, ob Irish Stew zu Recht so berühmt ist. Sie wandern durch die belebten Gassen, mehr gezogen als getrieben von der fortwährenden Neugier auf das, was sich hinter der nächsten, viel versprechenden Ecke verbirgt – und werden nicht enttäuscht. Dublin ist wunderschön, man muss nur an der richtigen Stelle suchen.

Sie besichtigen noch das Geburthaus von James Joyce und gehen dann erstmal kurz ins Hotel zurück, um sich für den Abend frisch zu machen. Sie suchen einen Stadtteil auf, wo auch ohne riesige Touristenhorden noch richtig viel los ist und finden Ihr neues Lieblingspub – keine englischen Junggesellen, keine japanischen Geigerinnen, dafür jede Menge ganz normale junge und ältere Dubliner, mit denen Sie schnell ins Gespräch kommen.

Am Samstag ziehen Sie früh los und haben genug Zeit, Dublin für sich zu erkunden – mit dem entsprechenden Reiseführer und Kartenmaterial versehen, entgeht Ihnen nichts. Vielleicht probieren Sie auch einen der vielen Hop-on-Hop-off-Busse aus, mit denen man die ganze Stadt sieht und an wirklich jeder Sehenswürdigkeit aus- und wieder zusteigen kann, wie man mag. Sie essen gemütlich und gar nicht so teuer zu Abend und beschließen diesen mit einem Besuch in Ihrer neu erkorenen Stammkneipe, wo Sie schon freudig von einigen neuen, alten Bekannten begrüßt werden. Nach der einen oder anderen Runde Guinness erfahren Sie, wo an diesem Abend auch noch musikalisch richtig was los ist. Die Stimmung dort ist wirklich klasse, vor allem für Leute, die Folkmusik mögen. Es wird fast so etwas wie eine kleine Abschiedsfeier.

Aber am Sonntag haben Sie ja auch noch Zeit. Schließlich geht Ihr Flieger erst um 17:20 Uhr. Also erst mal ausschlafen und dann zum Shoppen! Sie sind informiert, dass viele Geschäfte auch sonntags geöffnet haben, und Sie wissen auch schon, welcher Stadtteil sich besonders gut zum Stöbern nach interessanten Mitbringseln eignet. Außerdem gibt es hier sonntags diesen großen Floh- und Antiquitätenmarkt, da werden Sie bestimmt fündig. Ein richtig gemütlicher Bummel wird das, bis Sie schweren Herzens mit Ihren Neuerwerbungen wieder das Hotel aufsuchen und packen müssen.

Geschafft, aber glücklich sitzen Sie im Flieger zurück und schwelgen in Erinnerungen. Was war das Besondere an dieser Stadt, dieser Reise? So vieles haben Sie entdeckt, aber noch so viel mehr gibt es zu sehen und wichtig: zu hören. Auch die Freundlichkeit und Offenheit der Leute hat es Ihnen angetan, und Sie freuen sich schon darauf, bald wiederzukommen – beim nächsten Mal mit viel mehr Zeit – das schwören Sie sich jetzt. Und Recht haben Sie auch noch.