Die Hunde des Odysseus oder:
Entspannter / Urlaub mit Vierbeinern?
ACHTUNG - eigentlich ist das hier ein Rückblick auf die Zeit, als es wirklich noch nicht einfach war. Heute ist die Fähranreise mit dem Hund nach 'England' oder Irland so unkompliziert wie die Reise nach Frankreich oder in die Niederlande. Der EU sei Dank!
Hier die Chronologie einer spontanen Reise (die jetzt auch eine Reise in die Vergangenheit ist):
Irlandurlaub mit Hunden will rechtzeitig und unter Zuhilfenahme eines Kalenders und eines Computers geplant werden. Ein paar Mark sollte man auch zur Verfügung haben, denn all das Papier, das man beim Ablegen der Fähre in der Hand hält, kostet zusammengenommen pro Hund ca. 300 Mark. Oder mehr, aber dazu später.
Breakfast in Holyhead
Wir haben uns also im Februar 2000 ganz spontan entschlossen, frühestens Ende September mit unseren beiden Hundedamen Svenja (Schäferhund, 10 Jahre, aus dem Tierheim Moers) und Lotty (Lurcher, d.h. Greyhound-/Border-Collie Mix, 3 Jahre, geboren in Co. Kildare, zu uns gekommen aus der Pro Animale Tieroase Birkenschold) nach Irland zu fahren. Die spontane Vorbuchung hundefreundlicher Unterkünfte in Irland („pets welcome outside the house” – sehr empfehlenswert für einen Weihnachtsurlaub!} war erfreulicherweise nicht auch noch Teil der Reisevorbereitungen, da uns ein eigenes winziges Cottage in den Bergen von Kerry zur Verfügung steht.
Anfang Februar 2000:
Es ist keine Falschmeldung — Hunde dürfen wirklich nach England einreisen und dann auch nach Irland mitgenommen werden. Es ist schwierig, Eindeutiges über die Bedingungen des Pilotprojekts herauszufinden. Auf der Website der Britischen Botschaft steht ein allgemein gehaltener englischer Text, der noch viel Platz für Fragen und Spekulationen bietet. Unsere Tierärztin weiß auch nicht mehr. Ich bekomme dann eine Bonner Telefonnummer, unter der ich eine kundige Botschaftsmitarbeiterin erreiche. Die Grundzüge der Regelung werden mir etwas klarer: Chip-Kennzeichnung, Tollwuttest, Parasitenbehandlung, nur bestimmte Einreisewege.
Mitte Februar 2000:
Unsere Tierärztin impft beide Hunde gegen Tollwut. Die Hunde sind bereits seit einem bzw. acht Jahren mit Mikrochips (sogenannten Indexel-Chips) gekennzeichnet (Kosten ca. 80-100 DM inkl. Registrierung im Suchregister).
Mitte März 2000:
Die Tierärztin entnimmt Blutproben und leitet sie weiter an das Institut für Virologie im Fachbereich Veterinärmedizin der Justus-Liebig-Universität Gießen.
Ende März 2000:
Die in Gießen ausgestellten Zertifikate über die „Tollwut-Antikörperbestimmung für Hunde und Katzen” treffen bei unserer Tierärztin ein. (Die Zertifikate können übrigens nur vom Tierarzt, nicht vom einzelnen Hundehalter angefordert werden.) Es folgt eine Wartezeit von mindestens sechs Monaten.
Mitte November 2000:
Ich buche die Fähren — unter dem Gesichtspunkt, dass
1. nur bestimmte Fährgesellschaften auf bestimmten Strecken Hunde (und Katzen) abfertigen
2. die einzelnen Überfahrten möglichst kurz sein sollten, weil die Hunde im Auto bleiben und ich keine Ahnung habe, wie sie auf die Situation „Schiff” reagieren. Ich entscheide mich für den klassischen P&O/Irish Fernes Landbridge über Calais-Dover (90 Minuten) und Holyhead-Dublin mit dem Swift (2 Stunden) für den 22./ 23.12.2000 und erfahre, dass pro Hund 90,-DM Zuschlag aufs Ticket kommen. Ich drucke den aktualisierten Text von der Website der Britischen Botschaft aus, der nun auch genauere Angaben zu den benötigten Dokumenten enthält und gebe der Tierärztin eine Kopie.
20.12.2000:
Der Amtstierarzt stellt das Gesundheitszeugnis aus. Sprechstunde ist von 8-9 Uhr im Hinterhof des Straßenverkehrsamtes (wenn man fast vor der Tür steht, entdeckt man auch das Hinweisschild…). Der Tierarzt stellt ohne Probleme Lottys Dokumente aus, sucht dann aber eine ganze Weile mit dem Ablesegerät nach Svenjas Chip. Immerhin, sie hat ihn schon seit acht Jahren — in dieser Zeit ist er vom Nacken bis zum Ansatz des Brustbeins gewandert. Nachdem diese Hürde auch noch genommen ist, drückt Herr Dr. Steinbüchel mir gegen eine Gebühr von 20,- DM (in Düsseldorf eine Pauschale, egal ob ein oder zwei Hunde gecheckt werden) jede Menge Papier in die Hand und verabschiedet mich freundlich. Mittags sortiere ich Impfpässe, Zertifikate etc. nach Hundenamen und stelle fest, dass Lottys Tollwut-Antikörper-Zertifikat fehlt. Mittlere Panikattacke, Anruf beim Veterinäramt. Herr Dr. Steinbüchel ist unterwegs und leider telefonisch nicht zu erreichen. Mehr Panik. Ich werde weiterverbunden und erfahre, dass der gute Doktor zwar das Zertifikat mit seinem Papierstapel eingesammelt hat, aber dann sofort den Rückschluss zog, dass hier ein Urlaub auf dem Spiel stehen könnte und das Dokument einem Außendienstmitarbeiter der Lebensmittelüberwachung übergab, der es noch am selben Tag in meinen Briefkasten steckte. Ein Megalith fällt mir vom Herzen – der Amtsschimmel der Düsseldorfer Veterinäre ist ein freundliches und kluges Tier!
21.12.2000:
Unsere Tierärztin führt die Parasitenbehandlung durch (Wurmtabletten, Floh-und Zecken-“Spot-on”) und bestätigt diese auf dem Briefbogen ihrer Praxis.
22.12.2000:
Retter in der Not: der Veterinär in Calais
19 Uhr, Calais, Hafen: Am P&O-Schalter wird mir mitgeteilt, dass die Bescheinigung über die Parasitenbehandlung nicht den Bestimmungen entspricht. Und jetzt? Offensichtlich gibt es einen Notdienst der in Calais praktizierenden Tierärzte für solche Fälle. Der Veterinär wird über Handy herbeigerufen, trifft nach einer Stunde am Ticketschalter ein. Ich erhalte die korrekte Bescheinigung mit dem Briefkopf des französischen Landwirtschaftsministeriums, zahle für den Notdienst-Einsatz umgerechnet gut 200,- DM und wir fahren weiter zum Check-In. Der freundliche ältere Herr von der P&O drückt mir ein Ablesegerät in die Hand und ich darf die Chips selbst ablesen. Die Hunde sind mittlerweile nervös, ich kämpfe mit den Tücken des Scanners, aber irgendwann sind beide Codes abgelesen und ich unterschreibe die rosa “Pet Travel Scheme Declaration”, mit der ich bestätige, dass die Hunde sich in den letzten 6 Monaten nicht außerhalb der zugelassenen Länder aufgehalten haben. Wir bekommen gelbe Hunde-Aufkleber für die Windschutzscheibe und rollen endlich auf die Fähre. Herzklopfen beim Verlassen des Autos — wie werden die Mädels die Überfahrt überstehen?
22.15 Uhr, Dover, Hafen: Svenja und Lotty begrüßen uns gut gelaunt und noch ziemlich verschlafen. Bei der Passkontrolle werden wir in einen der Zollschuppen gewunken, die wohl sonst der Drogenkontrolle dienen. Die englische Tierärztin checkt Hunde und Papiere, erklärt mir dann strahlend, heute seien zehn Deutsche mit Hunden angekommen, zwei davon mit so unzureichenden Papieren, dass sie gar nicht hätten einreisen dürfen, und außer uns nur ein anderer, dessen Papiere vollständig korrekt waren. Ich nehme die Gratulation mit großer Erleichterung entgegen. Ab jetzt heißt das Ganze Urlaub.
23.12.2000:
Morgens, Holyhead: Von Dover bis Manchester Nebel, dicker, weißer englischer Nebel. Die der angepassten Geschwindigkeit führt dazu, dass wir noch zusehen können, wie der Swift den Hafen verlässt. Nächste Abfahrt 15 Uhr. Wir füttern erst mal die Hunde, fahren dann das Auto vor den Check-In und gehen alle zusammen frühstücken. In Holyhead-City stehen vor einem Shop zwei Verkäuferinnen, die sich weihnachtlich dekoriert haben: Sie tragen pelzige Haarreife mit pelzigen Öhrchen und großen roten Rentiergeweihen. Ich erfahre, wo man diesen Haarschmuck kaufen kann und halte kurz darauf zwei „Antlers” in der Hand. Svenja streift ihre sofort ab und ist sichtbar ungehalten. Lotty dagegen steht hocherhobenen Hauptes mitten in der Fußgängerzone und wedelt freundlich. Kinder zerren jauchzend an ihren Müttern und Lotty genießt die Begeisterung. Irgendwann gerät das Ding allerdings ins Rutschen und landet über ihren Augen. Das Rentier kommt wieder in die Tüte. (Leider existiert von diesem Outfit kein Foto – schade!)
Geflügelter Passagier
Am Check-In sehen wir einen wirklich exotischen Mitreisenden: der sechs Monate alte Greifvogel, der erstaunlich gelassen den Parkplatz vor der Fähre vom Arm seines Menschen aus beäugt, wird bestaunt und bewundert.
Die Hunde verschlafen auch die zweite Überfahrt und kurz nach Einbruch der Dunkelheit kommen wir endlich in Dublin Port an.
24.12.2000:
Inzwischen sind wir in Kerry angekommen. Tralee hat der Celtic Tiger bisher nur mit der Schwanzspitze gestreift. Wir decken uns mit Lebensmitteln, Torfund Kerzen (für den in den letzten zwei Jahren regelmäßig eingetretenen weihnachtlichen Stromausfall) ein und fahren erst mal am Strand vorbei. Gut zwei Kilometer Platz für Entdeckungen auf vier Pfoten. Wir sind sicher, dass jetzt die ganze aufgestaute Energie in Bewegung umgesetzt wird, aber das halb im Sand vergrabene Schafskelett ist viel interessanter. Wir sagen im Local Pub guten Tag. Offensichtlich sind wir die ersten Kontinentaleuropäer, die Hunde hierher mitbringen. Und offensichtlich verrückt sind wir in den Augen unserer irischen Nachbarn auch. Hunde gehören auf den Hof und nicht ins Haus, und auf gar keinen Fall nimmt man sie mit in den Urlaub.
25.12.2000:
Die Jungs nehmen die Hunde mit auf eine Bergwanderung und finden heraus, dass Lotty gern hinter Schafen herrennt – die das wiederum nicht witzig finden und sich beim Wegrennen über die Mauer absetzen. Ein gefundener Strick ersetzt die Leine und Lotty wird ab jetzt in ihrer Bewegungsfreiheit in der Nähe von Schafweiden eingeschränkt.
26.12.2000:
Wir verzichten auf einen Auftritt Lottys als „Santa’s Little Helper” am Wren Day und stellen aber beim Ausflug nach Dingle fest, dass sich inzwischen recht strikte Ladenschlusszeiten an den Feiertagen etabliert haben. Wir verzichten auf den Einkauf weiterer Lebensmittel und dinieren stattdessen im Pub. Immer wieder kommen Grüppchen von Kindern herein, die durchweg ziemlich abenteuerlich verkleidet sind (es handelt sich hier wohl um Recycling von Halloween-Masken, versetzt mit Omas Schultertuch und Mutters Modeschmuck). Als wir zum Haus zurückfahren, beginnt es zu schneien.
27.12.2000:
Die morgendlichen Nachrichten sprechen vom Schneechaos. Wir brauchen nicht über den Conor Pass nach Dingle zu fahren und können so die ungewohnte weiße Pracht auf der Grünen Insel genießen. 8-10 cm hoch liegt der Schnee, am Bachrand und an der Dachkante haben sich Eiszapfen gebildet. In Westmeath und den Counties in der Mitte liegen bis zu 30 cm Schnee.
28.12.2000:
Die Mädels lernen ihre vierbeinigen Nachbarn kennen. Daisy, eine kleine Border Collie Hündin (halb so groß wie Svenja) verteidigt sehr nachdrücklich ihr Revier: Sie schnappt im Vorbeigehen nach Svenja und rupft dabei auf einer pfundstückgroßen Fläche alle Haare aus. Meine beiden ziehen sich sofort vor unsere Tür zurück und gehen ab jetzt weiteren Konfrontationen schmollend aus dem Weg.
29.12.2000:
Heute sind wir fast die einzigen auf dem Conor Pass. Irland ist im Schnee versunken. Der Mount Branden sieht aus, als wäre er ein Teil der Alaska Range. Die Hunde balgen sich im Schnee und rollen sich dann genüsslich zum Schlafen auf ihren Decken vor dem Kamin ein.
30.12.2000:
Und wieder ein Strand-Tag am Fermoyle Beach: Lotty spielt one-dog-Tennis und gräbt im Sand eifrig nach Krabben und Muscheln. Als wir zurückfahren, macht sich ein sehr fischiger Geruch im Auto breit.
31.12.2000:
Es taut. Unser Weg versinkt im Schlamm, der Bach bleibt grade so eben noch in seinem Bett. Nachts gräbt Svenja die Vorratsdepots der Border Collies aus, was dazu führt, dass die Hunde im Dunklen nur noch mit Maulkorb draußen rumlaufen dürfen (die Renn-Maulkorb-Version, federleicht und mit viel Bewegungsfreiheit zum Hecheln, aber keiner Chance, etwas zu fressen, was nicht in Hunde gehört).
04.01.2001:
Wir fahren wieder Richtung Dublin. Beim Einladen entdeckt Lotty ein Schaf, das sich eine windgeschützte Ecke am Nachbarhaus gesucht hat und dort steht, den Kopf dem Weg zugewendet. Lotty rennt darauf zu, stutzt plötzlich, duckt sich, das Schaf bewegt ein bisschen den Kopf und mein „sheep hunter” macht einen zirkusreifen Satz rückwärts mit eingebauter halber Drehung und beobachtet das schreckliche Wesen von einem sicheren Posten hinter meinen Knien. Ich nehme an, dass sie die Tatsache, dass Schafe auch eine Vorderseite (mit gaaanz langen Zähnen) haben, gewaltig aus dem Konzept gebracht hat.
Zwischenstopp in Westmeath, um Luke abzuholen. Luke ist ein zehnjähriger Border Collie, der nach einem Unfall ein Vorderbein nicht mehr benutzen kann, aber trotz alledem ein neues Zuhause in Ostfriesland gefunden hat. Er wird uns auf der Rückfahrt begleiten.
05.01.2001:
Luke ist ein wundervoller Hund. Wir waren uns nicht sicher, ob die drei sich vertragen würden — aber es klappt hervorragend. Die drei kuscheln sich auf der Fahrt ein, aus ihren Füßen machen sie ein Mikadospiel, irgendein Rücken wird sich schon als Kopfstütze finden lassen …
06.01.2001:
Dover, Hafen: Am Check-In erfahre ich, dass man eigentlich nur zwei Hunde pro Pkw mitnehmen darf. Die freundliche Mitarbeiterin der P&O versucht, trotzdem 3 mitreisende Hunde in den Computer einzugeben, nickt irgendwann und winkt uns durch. Luke brauchte übrigens nur seinen völlig unspektakulären irischen Impfpass für die Einreise nach Deutschland.
13.01.2001:
Ich checke noch einmal die Seite der Britischen Botschaft (http://www.britischebot-schaft.de) unter Pet Travel (Haustiere) und stelle fest, dass der richtige Wortlaut des Parasiten-Zertifikats jetzt unter „Formulare” hinterlegt ist. (Zitat aus dem begleitenden Text: „Das Ministerium (Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten) hat in Absprache mit den britischen Behörden zweisprachige Muster für diese Bescheinigungen erstellt und den obersten Veterinärbehörden der Länder, der Bundestierärztekammer, dem Bundesverband der beamteten Tierärzte sowie dem Bundesverband Praktischer Tierärzte e.V. zur Verfügung gestellt. Interessierte sollten sich mit dem zuständigen Amtstierarzt oder mit ihrem praktischen Tierarzt in Verbindung setzen.” — Sollte sich also Ihr Tierarzt nicht ganz sicher sein, weisen Sie ihn auf diese Institutionen hin!) Für uns kam das ein bisschen spät, aber für alle, die jetzt eine Reise planen, ein wirklich guter Service!
Zum Schluß:
Für die Hunde war dieser Urlaub sicher nichts besonders Aufregendes (bis auf die Ausflüge an den menschenleeren Strand). Aber es war für sie sicher eine bessere Alternative als Tierpension. Wer allerdings unterwegs in B&Bs oder Hotels übernachten möchte, sollte diese Unterkünfte sorgfältig auswählen und vorbuchen, denn Hunde im Haus sind in Irland immer noch selten. Auch in Pubs sollte man sie nur mitnehmen, wenn man vorher geklärt hat, dass sie mitkommen dürfen.
Luke hat sich zwei Tage bei meinen Eltern „akklimatisiert” und ihm gefällt wohl das Leben als Haushund. Jetzt ist er bereits in Ostfriesland – seine neuen Menschen sind auch ganz begeistert von ihm. Hilde Haaker
aus: irland journal 2.01