Alles über den Irischen Regen


Der Regen....

Zusammenstellung aus dem irland journal 3.93 – aber auch heute noch immer so aktuell wie damals…

0'...Der Regen ist hier absolut, großartig und erschreckend. Diesen Regen schlechtes Wetter zu nennen ist so unangemessen, wie es unangemessen ist, den brennenden Sonnenschein schönes Wetter zu nennen.
Man kann diesen Regen schlechtes Wetter nennen, aber er ist es nicht. Er ist einfach Wetter, und Wetter ist Unwetter. Nachdrücklich erinnert er daran, daß sein Element das Wasser ist, fallendes Wasser. Und Wasser ist hart.
Und wieviel Wasser sammelt sich über viertausend Kilometer Ozean, Wasser, das sich freut, endlich Menschen, endlich festes Land erreicht zu haben, nachdem es so lange nur immer ins Wasser, nur in sich selbst fiel. Kann es dem Regen schließlich Spaß machen, nur immer ins Wasser zu fallen?
Gut ist es immer Kerzen, die Bibel und ein wenig Whiskey im Hause zu haben, wie Seeleute, die auf Sturm gefaßt sind; dazu ein Kartenspiel, Tabak, Stricknadeln und Wolle für die Frauen, denn der Sturm hat viel Atem, der Regen hat viel Wasser, und die Nacht ist lang.
... Wir standen auf; es war hell geworden, und im gleichen Augenblick war es ruhig draußen. Wind und Regen hatten sich entfernt, die Sonne kam über den Horizont, und ein großer Regenbogen stand über der See, so nah war er, daß wir ihn in Substanz zu sehen glaubten; so dünn, wie Seifenblasen sind, war die Haut des Regenbogens. Immer noch schaukelten Korken und Holzstücke auf der Pfütze, als wir die Treppe hinauf in die Schlafzimmer gingen...'

Aus: Heinrich Böll, 'Irisches Tagebuch',
(*am 21.12.1917, †am 16.7.1985)


0Über Irland gibt es viele und vielfältige Vorurteile, und das hartnäckigste und abenteuerlichste ist sicher das zum Thema Wetter - wobei die Schreckensmeldungen sonnenhungriger Kontinentaleuropäer über den irischen Regen wenigstens nicht der Grundlage entbehren. Dagegen scheinen die Verfasser diverser Reiseführer, die ständig auf das 'milde und ausgeglichene' Klima verweisen, zu glauben, daß das irische Wetter eine romantische Mischung aus Sonnenschein und Schauern sei.

Das irische Wetter ist weit davon entfernt, lieblich und ausgeglichen zu sein. Es ist ein Despot und neigt demzufolge zu Extremen. Dabei unterscheidet sich das Grundrezept für dieses Wetter nicht von dem anderer Länder, auch in Irland sind Regen, Wind und Sonne die Zutaten, nur die Quantität und die Mischung sind verschieden; es gibt 365 Varianten pro Jahr.

Allen Horrormeldungen zum Trotz: Die Sonne scheint in Irland! Frei erfunden ist der Bericht, daß bei ihrem Auftauchen die Bewohner der Insel aus ihren Häusern rennen und die Naturerscheinung am Himmel bewundern! Die Sonnentage in Irland sind so herrlich und perfekt, daß der Neuankömmling an eine Rückkehr in den Garten Eden zu glauben beginnt. Eine Täuschung, der kein Ire zum Opfer fällt, denn schon am nächsten Morgen - oder noch in derselben Nacht - kann ein prächtiger Sturm über die Insel fegen und recht nachdrücklich daran erinnern, daß die Vertreibung aus dem Paradies eine Tatsache ist ...

Tatsache ist auch, daß es in Irland oft und intensiv regnet. Nun sei aber nicht die Rede von den sattsam bekannten Schauern der Reiseführer, vor denen man sich angeblich mit zünftiger Regenbekleidung schützen kann und die eine Prise Abenteuer in den Urlaub streuen. Die Rede sei hier von jenem Regen, der in Teamarbeit mit einem heulenden Sturm ans Werk geht, der die modisch-flotte Regenbekleidung keineswegs unflott in Fetzen gehen läßt und den fassungslosen Wanderer in Minutenschnelle genauso naß und elend in die Landschaft stellt wie die Rinder und Schafe, die - mit der Kehrseite zu den Elementen - das Toben der Natur über sich ergehen lassen.

Meist währt das Unwetter genauso lang, bis man glaubt, das Heulen des Sturms im Kamin, das Dröhnen des waagrecht gegen die Scheiben prasselnden Regens und den Anblick der armseligen Hühner, die sich wie nasse Wattebäusche gegen die Hauswand drücken, keinen Augenblick länger ertragen zu können. Dann wird es plötzlich von einer Minute zur anderen still. Als versöhnende Geste scheucht der Sturm die tiefgrauen Wolkenschichten auseinander und offenbart ein winziges Stück stahlblauen Himmels. Nur Augenblicke später scheint die Sonne. Das Licht, das sich in den Wasserperlen bricht, die wie Ketten an den langen Gräsern hängen, läßt die Wiesen mit Millionen von bunten Glasperlen übersät erscheinen. Die Unwirklichkeit des Augenblicks wird von einem Regenbogen unterstrichen, der in phantastischer Perfektion und Farbenpracht einen Halbkreis an den Horizont malt.

Der erste gefiederte Sänger motiviert unversehens seine Nachbarn, die Luft ist erfüllt von einem intensiven, nach Leben riechenden Duft, die wattebäuschigen Hühner schütteln die Nüsse aus den Federn und ziehen vergnügt Würmer aus dem regensatten Boden - von Kofferpacken und abreisen wollen ist keine Rede mehr.

Laut Kalender gibt es auch in Irland Sommer und Winter; man kann sich nur nicht darauf verlassen. Novembertage können so mild und angenehm sein wie jene im Mai, Julitage so kalt und naß wie jene im Dezember. Es gibt Winter, in denen der Rasenmäher Mitte Januar schon wieder rattert, und es gibt Frühlinge, in denen man ohne Ohrenschützer und Wollschal nicht aus dem Haus kann.

Apropos Winter: 'In dieser Jahreszeit zeigt das Thermometer kaum unter Null' - weiteres Zitat aus den Reiseführern, und Schnee sei so gut wie unbekannt. Er ist bekannt, und es empfiehlt sich nicht, selbige Zitate an Landwirte weiterzugeben, die erfrorene Lämmer unter Schneewehen hervorziehen.

Eine besonders unerfreuliche Wintervariante zum Thema Niederschlag ist der Schneeregen. Die hohe Luftfeuchtigkeit läßt das Wetter dann selbst bei leichten Plusgraden unerträglich kalt erscheinen. Ein eisiger Wind treibt dichten Schneeregen wie gewaltige graue Stahlplatten vom Himmel. Das sind die Tage, an denen man nicht mehr aus dem Fenster sieht, sondern in der beruhigenden Nähe des zischenden und lodernden Torffeuers vom Frühling träumt. Der bringt wenigstens warmen Regen ...

Der Winter schenkt aber auch klare ruhige Tage, voll Frieden und Einklang. Die Sicht reicht weiter als das Auge zu blicken vermag, messerscharfe Konturen schneiden sich in einen unbeschreiblich blauen, unbeschreiblich sauberen Himmel, die Sonnenuntergänge bescheren eine Farbenpracht und Intensität, die ins Irreale geht.

Das irische Wetter hat - wie das Land selbst - eine Neigung zur Unwirklichkeit. Da sind die Vollmondnächte - im Sommer wie im Winter - wenn über den Seen leichter Nebel aufsteigt, der über den Mooren und Auen hängenbleibt, wenn der unruhige Wolken über den Himmel jagende Wind Licht und Schatten ständig verändert, wenn das Rufen der Brachvögel und Enten, das Bellen eines Fuchses auch weniger romantische Seelen an die Existenz von Feen, Elfen und Kobolden glauben lassen. Dann erscheint Irland doch wieder als ein Tor zum Garten Eden, und die Gewißheit, daß der nächste Regen sich sicher schon wieder über dem Atlantik sammelt, hat keinerlei Bedeutung.

Dagmar Kolata


Niederschlag - näher betrachtet

Die Gesamt-Niederschlagsmenge, die auf Irland herabregnet, verändert sich kaum von Jahr zu Jahr. Würde man sich jedoch die Mühe machen, die Durchschnitts-Niederschlagsmenge graphisch darzustellen, würde sich rasch eine geographische Ordnung herauskristallisieren. Im Westen fällt mehr Regen als im Osten, in den hügeligen Gebieten mehr als in den zentralirischen Ebenen und den tieferliegenden Gegenden im Osten und Süden; und der Regen-Schatten-Effekt wird klar erkennbar - niedrige Regenwerte dort, wo der ständig vorherrschende Wind aus höhergelegenen Gegenden die tieferliegenden buchstäblich 'beschirmt'. Aus einer solchen Graphik könnte man entnehmen, daß die Durchschnitts-Niederschlagmenge variiert von z.B. 3.000 Millimetern jährlich in den bergigen Gegenden von Kerry und Donegal bis zu ca. 750 Millimetern in Dublin, wobei der Landesdurchschnitt bei 1.1oo Millimetern liegt.

Aber wie schon der amerikanische Historiker Frances Parkman einst bemerkte: 'Tatsachen mögen mit einem Höchstmaß an Exaktheit beschrieben werden, und doch kann die Wiedergabe als Ganzes bedeutungslos und unwahr sein.'

Der jährliche Niederschlag an sich ist nicht zwingenderweise ein guter Maßstab, um einen bestimmten Flecken Erde als 'verregnet' abzustempeln. Frankreichs Mittelmeerküste zum Beispiel vermittelt den Eindruck, ein wesentlich trockeneres und sonnigeres Fleckchen Erde als Irland zu sein - tatsächlich fällt dort mehr Regen als in Dublin! Nizza verzeichnet eine durchschnittliche Niederschlagsmenge von über 800 Millimetern pro Jahr. Der Unterschied liegt in der Natur des Regens: In Südfrankreich ist der Regen während eines Schauers sehr schwer, es regnet aber längst nicht so häufig. In Irland dagegen ist der Regen oft leicht, aber wesentlich anhaltender.

Ein alternativer Maßstab, der anzusetzen wäre - und der solche Unterschiede in einem besseren Licht darstellen würde - wäre, die Regentage zu zählen. Metereologen verstehen unter einem 'Regentag' einen solchen, an dem mindestens 1/5 Millimeter Regen fällt, was man als 'merkliche' Regenmenge qualifiziert. Diese (Un)Menge ist etwa einem einzigen, kurzen Schauer oder einigen Stunden Nieselregen gleichzusetzen. Gemessen an diesen Kriterien variiert die Anzahl der Regentage in Irland zwischen 190 im Osten bis ca. 250 an der Westküste. Zum Vergleich: Die entsprechende Anzahl für Südfrankreich bewegt sich unter 100.

Eine weitere Methode, die Auswirkung des Regens auf unser Leben zu messen, wäre, das 'Wieviel' total zu vergessen und stattdessen zu fragen: 'Wie lange?'. Den Statistiken zufolge fällt an den meisten Orten in Irland der Regen zwischen 600 und 800 Stunden jährlich - oder in anderen Worten - 8% der Gesamtzeit. Aber selbst dies bringt uns 'back to where we started': Die geographische Ordnung bestätigt eigentlich nur, daß es in den hügeligen Gegenden im Westen Irlands am längsten regnet, und am kürzesten in der privilegierten Umgebung der Hauptstadt ...

The Irish Times 24.2.1993

Das irische Klima

Die durchschnittliche Temperatur beträgt in den kältesten Monaten Januar und Februar zwischen 4 und 7 Grad, Frost gibt es selten; in den wärmsten Monaten Juli und August beträgt sie zwischen 14 und 16 Grad, selten mehr als 24 Grad. In den meisten Gegenden Irlands sind die Monate Dezember und Januar am nassesten. Trotzdem ist übrigens die irische Wasserversorgung schon seit langem problematisch und es gibt für die Landbewohner in vielen Regionen immer wieder regelrechte Trockenperioden, in denen mit jedem Liter gerechnet werden muß! Die durchschnittliche Regemenge beträgt zwischen 750 mm im Binnenland in der Mitte Irlands bis zu über 1300 mm im Südwesten. In den trockensten Monaten Mai, Juni und September scheint die Sonne zwischen vier und sechs Stunden am Tag, im Südosten sogar länger. Abends ist es eine gute Stunde länger hell als auf dem Kontinent.

Der Wind weht vorherrschend aus Südwest. Die Windgeschwindigkeiten sind am größten an Süd-, West- und Nordküste, besonders in den Monaten von November bis März, Juni bis September haben allgemein weniger Wind.

Die Wassertemperatur an den Küsten beträgt im Winter bis ins Frühjahr durchschnittlich 10 Grad im Südwesten bis 7 Grad im Nordosten und steigt dort bis in den Spätsommer auf 15 bzw. 13,5 Grad (also vergleichbar der Nordsee).