Eigentlich wollte ich am 8. Januar nur zur Vorbereitung der ersten Irlandreise seit Jahren das Gaeltacht-Folkerpaket bestellen. Während der PC hochfuhr habe ich dann beim Blättern im Folker den Bericht über Féile an Phobail in Belfast gelesen, war sehr angetan und habe mir gedacht, dann könne ich auch gleich in einer Mail die Antwort auf die Gewinnspielfrage geben.
Knapp vier Wochen später saßen Petra und ich im Flieger nach Belfast, konnten unser Glück immer noch kaum fassen und waren wahnsinnig gespannt auf die Stadt und das Festival.
Nach der Mitteilung aus Moers, dass wir gewonnen hätten, haben wir erst mal den Lonely Planet Irland gewälzt um Informationen über Belfast zu erhalten, eine Stadt, die wir bis dato beide nicht kannten. Es hörte sich sehr spannend und interessant an. Auch was wir im Netz über das Programm des Féile an Earraigh erfuhren machte uns immer mehr Lust auf die Reise.
Donnerstag Abend, 19.50 Uhr, landeten wir auf dem Flughafen George Best in Belfast, fuhren mit dem Bus ins Zentrum und fanden schnell das Ibis Hotel in dem ein Zimmer reserviert war.
Es war inzwischen 21.00 Uhr, das Programm des ersten Abends hatte um 20.00 Uhr begonnen, das Festivalzelt war nur 2 Gehminuten vom Hotel entfernt, also machten wir uns auf den Weg zum Bank Square. Hier war direkt vor dem Traditionspub Kelly’s ein Festzelt aufgeschlagen in dem die Konzerte stattfinden sollten.
Das Zelt war leider nur spärlich besetzt. Wir bekamen noch die letzten Stücke des Ausnahme-Banjospielers Stevie Dunne und seiner Band mit. Ihm folgte die Sängerin Oonagh Darby mit Gitarrist Gerdy Thompson., unterstützt von einigen Musikern des Top acts des Abends, den Four Men and a Dog. Diese boten dann ein Feuerwerk an Tunes und Songs mit einer unglaublichen Spielfreude. Ein toller Auftakt des Festivals, einzig getrübt durch die geringe Zuschauerzahl (die aber vielleicht dem parallel im Grand Opera House stattfindenden Konzert der Altmeister Dick Gaughan und Andy Irvine geschuldet war) und die niedrigen Temperaturen im Zelt.
Am nächsten Tag machten wir uns erst einmal auf den Weg zum Büro von Féile an Phobail, wo wir die Karten für die anderen Konzerte bekommen sollten. Also fuhren wir mit einem der Busse der Linie 10 in die Falls Road. Erste Blicke auf die Peace Lines nördlich der Falls Road aus dem Bus heraus. Nachdem wir im Büro unsere Karten entgegengenommen hatten gingen wir zu Fuß ins Kulturzentrum Cultúrlann McAadam Ó Fiaich. Hier, in einer umgebauten (und immer noch im Umbau befindlichen) ehemaligen presbyterianischen Kirche befindet sich das zweite Zentrum des Festivals.
Hier fanden historische Vorträge, Kinder-Puppentheater und Workshops statt. Wir trafen uns im zugehörigen Café mit dem Fotografen Phil Smyth, der für Tourism Ireland ein Foto der strahlenden German Competition Winners machen sollte. Gemeinsam mit Aoife McAteer vom Kulturzentrum entstand dann ein wunderbar „spontanes“ Bild im Bookshop des Cultúrlann.
Für uns stellte sich danach die Frage, ob wir den Tag nutzen sollten um eine der hochkarätig besetzten Sessions in den Pubs rund um Bank Square zu besuchen, oder ob wir erst einmal etwas von der Stadt sehen wollten. Wir entschieden uns für letzteres und gingen die Falls Road entlang, an Wandmalereien und Gedenktafeln sowie dem Divis Tower mit seiner bedrückenden Geschichte vorbei zurück ins Zentrum.
Gegen extrem starken Wind kämpften wir uns zu den Sehenswürdigkeiten durch: City Hall, St. Georges Market, Waterfront Hall, Lagan Weir und Victoria Square, von dessen Kuppel man einen fantastischen Blick über die Stadt hat.
Am frühen Abend haben wir einen Restauranttipp aus dem Lonely Planet aufgesucht. Im Rhubarb etwas südlich des Stadtzentrums lernten wir was b. y. o. bedeutet. „Bring your own“ heißt, dass man in Restaurants die keine Schankgenehmigung besitzen seine eigenen alkoholischen Getränke mitbringen kann. Hervorragend verköstigt machten wir uns auf den Weg zum Konzert. Die Konzerte hatten jeden Abend den gleichen Ablauf. Es gab den Top Act, einen Support und einen Local support. Headliner an diesem Abend waren die Hothouse Flowers, die mit ihrem rock’n’soul für mächtig Stimmung im diesmal rappelvollen Festzelt sorgten. Für uns waren jedoch die Vorgruppen diesmal die Entdeckungen des Abends. Da war zunächst einmal The Emerald Armada aus Belfast. Als die 6 Musiker die Bühne betraten, waren wir nicht sicher ob sie überhaupt hätten hereingelassen werden dürfen (Strictly over 18s). Zwei Akustik-Gitarren, E-Gitarre, E-Baß, Bodhran, Stahlseitenharfe und dazu mehrstimmiger Gesang. „Mumford and Sons“ lassen grüßen. Spielwitz, tolle Arrangements und sehr sympathisches Auftreten. Hoffentlich kommt bald das erste Album der Jungs raus. So lange muss man sich halt noch mit der Myspace-Seite begnügen...
Danach kamen die Guidewires (Gitarre, Bouzouki, Fiddle, Conzertina, Querflöte/Pipes) die unglaublich druckvoll spielten und bei denen der kontinentale, bretonische Einfluss Sylvain Barous’ (Flute und Pipes) spannende Akzente setzte.
Am Samstag besuchten wir zuerst den botanischen Garten der Universität mit Palmenhaus und Tropical Ravine (sehr faszinierend) und fuhren dann mit dem Bus Richtung Belfast Castle um den Cave Hill zu besteigen. Das Wetter war so, wie man es sich von Irland erwartet, was aber der Wirkung der Landschaft umso zuträglicher war. Bei Nebel und leichtem Nieselregen stiegen wir hinauf zum McArt’s Fort, vergaßen dabei fast die Nähe der Stadt und genossen die Landschaft und den leider etwas eingeschränkten Ausblick auf Belfast.
Nach einem leckeren Abendessen in der Hill Street Brasserie (Cathedral Quarter) stand der dritte Konzertabend auf dem Programm. Den Auftakt bildeten The Wee Weirdies (laut Programmheft „influenced by Planxty, Pink Floyd and Radiohead“). Beim ersten Song dachten wir an guten Country Rock mit Anleihen (auch in der Stimme) bei Johnny Cash.
Leider wirkte der Frontmann der Band ein wenig weggetreten. Uns war nicht ganz klar ob er das nur spielte, jedenfalls wirkten die anderen Musiker der Band gehemmt und es kam kein richtiger Kontakt zum Publikum zustande. Schade, denn die Musik war gut.
Ganz anders danach Gráinne Holland & Band. Da stand eine junge Sängerin auf der Bühne, der man die Freude an der Musik anmerkte. Begleitet von Ruairí Cunnane an der Gitarre, Barry Kerr an der Bouzouki und Rohan Young an der Bodhrán begeisterte Gràinne des Festzelt bis zum letzten Platz. Ganz besonders schön ihre Version des Waterboys Klassikers „Whole of the moon“. Wir freuen uns sehr auf die CD die im Frühjahr erscheinen soll.
Headliner des Abends waren die Red Hot Chilli Pipers. Wir hatten sie vergangenes Jahr bereits im Karlsruher Tollhaus gehört, wo uns die Mischung aus Show und musikalischem Können schon gut gefallen hat. Im Festzelt in Belfast war die Lautstärke nun fast unerträglich (Aber im Programm stand auch: “Prepare to be blown away!“), worunter die Musik etwas litt, dafür war die Stimmung umwerfend!
Am Sonntag regnete es in Strömen, so dass wir kurzentschlossen doch nicht am „Eamon Maguire Black Mountain Walk“ teilnahmen, sondern nach einer kurzen Shopping Tour ins Ulster Museum gingen. Vor zwei Jahren neu eröffnet bietet dieses Museum Einblicke in die unterschiedlichsten Bereiche. Es beherbergt eine naturkundliche Ausstellung ebenso wie eine Gemäldesammlung irischer und britischer Künstler des 19. und 20. Jahrhunderts, eine Egyptian Collection mit der ersten außerhalb Ägyptens gezeigten Mumie (Prinzessin Takabuti), die „Treasures of the Armada“ mit Schmuck und anderen Gegenständen aus versunkenen Schiffen der spanischen Armada, sowie eine nüchterne und dadurch umso eindringlichere Ausstellung zur jüngeren Geschichte Irlands und Nordirlands.
Am Nachmittag ein Besuch in Maddens Bar wo eine Session mit Stevie Dunne, John Joe Kelly, Ed Boyd, Darragh Murphy und anderen stattfand.
Das Abendprogramm startete mit dem Belfaster Singer/Songwriter Bruce Joseph, dessen einfühlsame Songs in der kleinen Besetzung Kontrabass, Piano-Akkordeon, Gitarre/Gesang wunderbar zur Geltung kamen.
Danach folgte „The Stride Set“ – wow! Drei Fiddles, Bouzouki, Gitarre/Gesang und Schlagzeug. Wenn man der Homepage der Band Glauben schenken darf, war das der erste Gig der Formation. Auch hier sind wir sehr gespannt auf die CD an der im Moment gearbeitet wird. Den Schlusspunkt setzte Capercaillie. Ich hatte die Band zum letzten Mal vor etwa 20 Jahren live gesehen, war dementsprechend gespannt und wurde absolut nicht enttäuscht. Durchdachte Arrangements mit überraschenden Breaks und Wendungen, Instrumentalisten vom Feinsten und vor allem Karen Matheson mit ihrer wunderbaren Stimme und Bühnenpräsenz. Was für ein Festivalabschluss.
Am Montag blieb uns dann nur noch der Rückflug nach Deutschland und dabei die Überlegungen, was wir alles nicht gesehen und mitbekommen haben. Sowohl von der Stadt, als auch vom Festival. In Erinnerung bleiben uns aber neben den tollen Konzert- und Stadterlebnissen vor allem die Herzlichkeit der Belfaster vom Busfahrer über den Kellner bis zu den Leuten von Féile an Phobail und und Cultúrlann McAdam Ó Fiaich.
Ganz herzlichen Dank und viele Grüße nach Belfast an Jenny Penrose und die ganze Mannschaft, ebenso herzlichen Dank an Tourism Ireland für Flug und Unterkunft und an Gaeltacht Reisen für die Organisation.
Sven Puchelt
Im August findet das 'große' Festival von Féile an Phobail statt: 28.07. bis 07.08.2011. Es lohnt sich! Wir haben schon ausführlich darüber berichtet, zuletzt im irland journal.